Was es bedeutet, ins Gelingen verliebt zu sein
von Stephan Herzer
Seit fünfzig Jahren begleitet tipiti junge Menschen auf ihrem Weg ins Leben. Viele von ihnen haben vom Leben schwierige Ausgangsbedingungen erhalten: Brüche in der Biografie, belastete Familiengeschichten, Fluchterfahrungen oder Lern- und Entwicklungshemmnisse. «Ins Gelingen verliebt sein» bedeutet nicht, dies schönzureden, sondern beharrlich der Zuversicht zu folgen.
Haltungen lassen sich nicht verordnen. Wir müssen sie in uns entwickeln. Haltungen lassen sich nicht in Leitbilder und Strategiepapiere schreiben. Man erkennt sie erst im Alltag – in der Art, wie Menschen Schwierigkeiten begegnen, Rückschläge aushalten und trotzdem weitergehen. «Ins Gelingen verliebt sein» ist eine solche Haltung. Bei tipiti nennen wir dies ein Fraktal.
Die prägnante Wendung stammt vom deutschen Philosophen Ernst Bloch. In seinem Werk «Das Prinzip Hoffnung» forderte er, man müsse «ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern». Bloch schrieb diese Worte in der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts, zwischen 1938 und 1947 im amerikanischen Exil, im Schatten von Faschismus und Krieg. Hoffnung, so verstand er sie, ist kein naives Wunschdenken. Sie stellt sich der Wirklichkeit und hält dennoch an der Utopie fest.
Zuversicht ist Hoffnung in Aktion
Doch Hoffnung allein bleibt wenig verbindlich. Soll sie im Alltag tatsächlich Wirkung entfalten, braucht sie die Qualität der Zuversicht. Zuversicht bringt Hoffnung ins Handeln. Zuversicht ist Hoffnung in Aktion. Sie zeigt sich nicht in grossen Worten, sondern in kleinen, beharrlichen Schritten. Sie äussert sich im Vertrauen, dass Entwicklung möglich ist – auch dann, wenn der Weg dorthin alles andere als geradlinig verläuft. Nicht selten zeigt sie sich in Form von hartnäckiger Kreativität gegenüber erdrückender Sachzwänge.
«Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.»
In den Lebensräumen und Förderangeboten von tipiti leben und lernen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die vom Leben schwierige Ausgangsbedingungen erhalten haben: Brüche in der Biografie, belastete Familiengeschichten, Fluchterfahrungen oder Lern- und Entwicklungshemmnisse. Diese Realität lässt sich nicht schönreden. Wer mit jungen Menschen arbeitet, der weiss: Lernen und Entwicklung haben immer auch eine schmerzhafte Seite. Rückschläge gehören dazu. Umwege ebenso. Nicht zu resignieren ist schwer. Umso mehr, wenn die Ausgangslage prekär ist.
Samuel Beckett hat diese Erfahrung treffend in Worte gefasst: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.» Die Zuversicht dahinter sagt: Nichts gelingt je endgültig, aber ebenso wenig misslingt etwas für immer. Scheitern und Gelingen schliessen einander nicht aus. Eins ist immer Teil des anderen. Das macht die Forderung „ins Gelingen verliebt zu sein“ so anspruchsvoll. Verlangt wird eine Haltung, die weder naiv noch resigniert ist. Sie nimmt uns in die Pflicht zur Zuversicht, welche sich ständig in der Realität bewähren muss.
Vorfreude auf sich selbst entwickeln
Die schwierigste Herausforderung für tipiti ist gleichzeitig auch die, auf die wir besonders stolz sein dürfen. Wir schaffen Räume, in denen junge Menschen Vorfreude auf sich selbst entwickeln können – auf ein selbstbestimmtes Leben, auf Verantwortung und das eigene Glück.
Dass diese Haltung mehr ist als ein schönes Ideal, zeigt sich auch in echten Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel begleitet tipiti ehemalige Lernende aus den Sonderschulen in Trogen und Wil über die Schulzeit hinaus weiter – durch die anspruchsvollen Jahre der Berufsbildung. Mit 25 Jahren erreichen diese jungen Menschen eine Abschlussquote auf Sekundarstufe II von rund 90 Prozent. Dies entspricht genau dem Schweizer Durchschnitt. Weil Zuversicht nicht stehen bleibt und immer in die Zukunft reicht, weitet tipiti das Konzept nun auf die Jugendlichen in allen seinen Tätigkeitsbereichen aus.
Fünfzig Jahre mit unerschütterlicher Zuversicht
Solche Erfolge sind kein Zufall. Seit fünfzig Jahren begleitet tipiti junge Menschen auf ihrem Weg ins Leben. Das ist Raum und Zeit für unzählige Biografien: Kinder, die zu selbstständigen Erwachsenen geworden sind, Jugendliche, die ihren Platz in Beruf und Gesellschaft gefunden haben, Menschen, die ihren eigenen Weg gegangen sind – und dazu gehören manchmal auch Umwege.
«Ins Gelingen verliebt» zu sein bedeutet nicht, das Scheitern zu verdrängen. Es bedeutet, sich an Möglichkeiten zu orientieren, hartnäckig und beharrlich. «Ins Gelingen verliebt» zu bleiben ist die Haltung, die tipiti seit fünfzig Jahren prägt: die unerschütterliche Zuversicht, dass aus schwierigen Anfängen immer wieder gelingende Lebenswege entstehen.
