Ein starkes Netz trägt viel.

Kursprogramm tipiti, Weiterbildung

Von Jana Lindner, Co-Leiterin Bereich Pflegekinder

Wie können wir das Kind bewusster ins Zentrum stellen, trotz vieler Umstände und Bedürfnisse der Erwachsenen rund um das Kind? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Tagung «Focus Kind – ein Balanceakt» des Fachverbandes DAF Pflegekind, an der mehrere Mitarbeitende von tipiti beteiligt waren.

In der Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien ist oft ein grosses Netzwerk am Tragen und am Wirken. Viele Bedürfnisse müssen unter einen Hut gebracht werden. Oft besteht die Gefahr, dass sich Vorlagen, Auflagen, Gesetze, Finanzierungsfragen, Bedürfnisse der Eltern und Verwandten oder andere Verpflichtungen in den Vordergrund drängen. Die bewusste Ausrichtung auf das Kind und seine Pflegefamilie ist aber der Schlüssel zu einem nachhaltig gelungenen Pflegeverhältnis. In ihrem Referat betonte die Sozialpädagogin und Trauma-Expertin Corinna Scherwath, wie wichtig emotionale Sicherheit für die Entwicklung von Pflegekindern ist. Sie formulierte es so: „Bei der Entscheidung, ob auch nach der Herausnahme Kontakt zwischen den leiblichen Eltern und ihren Kindern bestehen soll, befinden sich Entscheidungsträger und Hilfeplanung neben den rechtlichen Aspekten im Spannungsfeld unterschiedlicher Bedürfnisse: den Bedürfnissen und Wünschen auf Elternseite und den Bedürfnissen und Notwendigkeiten auf Seiten des Kindes."

Es ist klar, dass in diesem Dilemma Zumutungen eine Rolle spielen. Aus meiner Perspektive ist eine gerechte Verteilung der Zumutungen jedoch dann gegeben, wenn die grössere Portion der Zumutungen auf die Erwachsenen verteilt wird und Kindern als schwächstem und schutzbedürftigstem Glied in der Kette vor allem ein Anspruch auf Heilung und stabile Entwicklung zugestanden und ermöglicht wird.“

Zum Beispiel Marco

Im Alter von wenigen Monaten wird Marco aus seiner Herkunftsfamilie herausgenommen und kommt in ein Heim. Dort erlebt er Fürsorge und Freundlichkeit, hat aber viele wechselnde Bezugspersonen. Die verursachten Bindungsverletzungen sind für alle spürbar. Der Junge weiss nicht, wie sich das Leben in einer Familie anfühlt. Mit vier Jahren nimmt eine Pflegefamilie Marco auf. Dort beginnt ein langer und intensiver Prozess des Bindungsaufbaus. Es braucht viel Zeit, Geduld und Ruhe, um nachzuholen, was in der emotionalen Entwicklung versäumt wurde. In den ersten drei Jahren reizt Marco die frische Bindung zu den Pflegeeltern immer wieder bis aufs Äusserste – in der Hoffnung, dass das Band hält. Mehrmals täglich fragt er: «Darf ich jetzt hierbleiben?» Keine Minute lässt er die Pflegeeltern aus den Augen. Wutanfälle sind an der Tagesordnung. Die Eltern sehen das Kind anfänglich vierzehntägig. Sie sind wütend und traurig. Auch für Marco sind die Begegnungen herausfordernd.

Ein Netz aus vielen Akteur·innen

Tipiti begleitet Pflegefamilie, Eltern und Kind eng. Wir bauen ein tragfähiges Netzwerk um sie auf: Kontaktfamilien, Hort, Therapeut·innen, Familie, Nachbar·innen, Freund·innen. In ruhigen Zeiten stärken wir die Bindung und Beziehungen. In Krisen können wir dieses Netz aktivieren. In Marcos Fall kamen Beistände, Sozialämter, Schule, Kindergarten, Therapeut·innen und Abklärungsdienste miteinander ins Gespräch. Intensive Biografiearbeit mit Marco und eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern führten letztlich dazu, dass wir zusammen gute Lösungen fanden. Wir entschieden miteinander, ihre Besuche zu reduzieren – und das Kind entspannte sich ersichtlich. Geholfen haben Beziehungsarbeit, transparente Zusammenarbeit auf allen Ebenen, Bereitschaft zu unkonventionellem Denken und Handeln im Sinne des Kindes, Augenhöhe und vor allem beherzte Menschen, die «ins Gelingen verliebt» sind.

Tagung mit konkreten Auswirkungen

Marco ist heute elf Jahre alt. Es ist ihm gelungen, seiner Pflegefamilie zu vertrauen. An der Tagung des Fachverbands DAF nahmen auch seine Beistände teil. Das Referat von Frau Scherwath mit der Frage «Wem muten wir was zu?» regte sie zum Umdenken an und sie setzten sich in der Folge dafür ein, dass Marco mehr Raum und Zeit für seine Entwicklung bekommt: Um noch mehr zu entspannen und noch mehr anzukommen. Ein grosses Glück für das Kind.

«Fokus Kind»

«Fokus Kind» bedeutet, ein Umfeld zu schaffen, in dem das Kind wachsen und sich entwickeln kann: Ein Kind braucht Fürsorge, Liebe und genügend Ruhe, um zu heilen, was verletzt wurde. Dies kann nur an einem sicheren und ruhigen Ort geschehen. Pflegefamilien brauchen Gewissheit und Klarheit, um dem Kind geben zu können, was es braucht.

Dank an euch Pflegefamilien!

Ihr seid eine Kostbarkeit in unserer Gesellschaft. Ohne euch würde den Kindern eine Familie fehlen, in der sie Schutz und Geborgenheit erfahren können. Ihr tragt zum grössten Teil zur Heilung dieser verletzten Kinder bei. Dabei schenkt ihr eurem Pflegekind unermüdlich zwei der kostbarsten Güter: Zeit und Liebe. Danke aus tiefstem Herzen.

Fachverband DAF* Pflegekind

Der Fachverband DAF Pflegekind ist ein Zusammenschluss von Organisationen, die sich schweizweit für die Weiterentwicklung und Qualitätssicherung begleiteter Plätze für Pflegekinder einsetzen, und vertritt deren Anliegen nach aussen. *DAF bedeutet «Dienstleistungsanbietende in der Familienpflege».

Das tipiti-Kursprogramm immer aktuell auf tipiti.ch/weiterbildung.html

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