Jugendliche / Lern- und Begegnungszentrum
Wie ein Lehrvertrag alle Türen öffnete
Von Simone Thoma, Co-Leiterin des tipiti Lern- und Begegnungszentrum St. Gallen
Sardar kam als unbegleiteter Minderjähriger in die Schweiz. In nur zwei Jahren hat er sich hier ein neues Leben aufgebaut: Er hat Deutsch gelernt, Freundschaften geschlossen und Pläne für die Zukunft geschmiedet. Doch im April 2025, kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag kam ein amtliches Schreiben, das all diese Erfolge zunichtemachen drohte: Sardar müsse zurück nach Griechenland. Sardar gab aber die Hoffnung nicht auf.
Sardar wuchs in einem Dorf im Nordwesten Afghanistans auf, unweit der turkmenischen Grenze. «Meine Familie lebt noch heute dort und verdient ihren Lebensunterhalt mit dem Anbau und Verkauf von Früchten», erzählt Sardar. Als kleiner Junge stürzte er von einem Baum und erlitt dabei eine starke Beeinträchtigung des Hörvermögens. Die medizinischen Möglichkeiten in Afghanistan waren begrenzt. Mit fünfzehn Jahren entschied er sich, aus seinem Heimatland zu flüchten und im Ausland medizinische Unterstützung zu suchen. Über Pakistan, Iran und die Türkei gelangte er nach Griechenland, wo ihm Asyl gewährt wurde. Die Lebensbedingungen und Zukunftsaussichten waren dort jedoch schwierig, ebenso der Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung. Er reiste weiter.
Schnelle Integration in einer Pflegefamilie
Im Oktober 2022 erreichte Sardar die Schweiz. Als unbegleiteter Minderjähriger wurde er vorläufig aufgenommen. Im März 2023 folgte die Zuweisung zum Kanton Appenzell Ausserrhoden. Aufgrund eines Leistungsvertrags mit dem Kanton ist der Verein tipiti hier für die unbegleiteten Minderjährigen zuständig. Die Mitarbeitenden von tipiti setzen sich engagiert für ihre schulische Bildung und ihre persönliche Entwicklung ein. Die Jugendlichen wohnen in Pflege- bzw. Gastfamilien. Dieses System hilft ihnen, sich schnell zu integrieren und die neue Sprache zu lernen.
Sardar lebte zunächst in einer Pflegefamilie, wo er rasch Anschluss fand und Teil der Familie wurde. Er lernte Deutsch, besuchte die Schule und baute sich ein soziales Umfeld auf. Im Juli 2024 entschied er sich, den nächsten Schritt zu gehen, und zog in eine Wohngemeinschaft mit zwei jungen Erwachsenen aus der Schweiz. «Wir schätzten ihn sehr für seine ruhige, respektvolle und hilfsbereite Art», meint der ehemalige Mitbewohner. Als sich die WG aufgrund einer Gebäuderenovation auflöste, gründete Sardar mit seinen Pflegebrüdern eine Wohngemeinschaft in deren Elternhaus.
Alles bereit für den Berufseinstieg
Sardar zeigte sich stets motiviert und lernbereit. Besonders wichtig war ihm das Erlernen der deutschen Sprache. Zudem trainiert er Volleyball in einem Verein und hat dort auch Freunde gefunden. Mit Unterstützung von tipiti konnte er seine Hörbeeinträchtigung abklären lassen und endlich die nötigen Hörgeräte erhalten. «Es ist ein ganz anderes Leben, wenn man richtig hören kann», sagt Sardar. «Wie hätte ich sonst überhaupt Deutsch lernen können?»
Nach einem Jahr im Lern- und Begegnungszentrum wechselte er zur Organisationen rheinspringen, die Jugendliche und jungen Erwachsene bei der Integration in den Arbeitsmarkt unterstützt. Sein Berufswunsch war klar: Er wollte Koch werden. Doch kurz nach seinem achtzehnten Geburtstag kam das Schreiben vom Staatssekretariat für Migration (SEM): Sardar müsse nach Griechenland zurückkehren.
Eine gelungene Integration ist die Basis
Der Entscheid zur Rückführung stiess in seinem Umfeld auf grosses Unverständnis. «Ein gut integrierter, junger Mensch wie Sardar soll ausgewiesen werden?» Unvorstellbar für seine Pflegefamilie. In Griechenland kannte Sardar niemanden. Eine Rückführung hätte bedeutet, dass er sich erneut in einem unbekannten Land ohne familiäre Unterstützung hätte zurechtfinden müssen. Sardar reichte Beschwerde gegen diesen Entscheid ein. Seine Pflegefamilie, Bekannte, Mitbewohner, der Volleyballverein und tipiti unterstützten ihn mit schriftlichen Stellungnahmen, die seine gelungene Integration darlegten.
Eine Zeit der Ungewissheit begann. «Ich war mit der Situation überfordert und litt unter Angstzuständen», sagt Sardar. Doch er liess sich nicht von seinem Weg abbringen. Mit Unterstützung seiner Bezugsperson von tipiti suchte er engagiert nach einer Lehrstelle – und fand eine als Küchenangestellter EBA. Ende September 2025 kam die erlösende Nachricht: Sardars Beschwerde wurde gutgeheissen. Er dürfe in der Schweiz bleiben, weil er eine Lehrstelle habe und hier bereits so gut integriert sei. Die Anspannung der letzten Monate wich von ihm: «Ich konnte kaum aufhören zu lächeln. Ich war so erleichtert.»
«Verliebtsein ins Gelingen» zahlt sich aus
Sardars Geschichte ist für uns eine Bestätigung dafür, dass Beharrlichkeit, Gemeinschaft und Vertrauen sehr viel bewirken können. Bei tipiti nennen wir das «ins Gelingen verliebt sein». Dranbleiben, auch wenn es aussichtslos scheint. An einen Menschen glauben, bis sich Türen öffnen. Hoffentlich zahlt sich dieses Vorgehen noch viele weitere Male für unsere Jugendlichen aus.
Gelungener Übergang
Als Donat Rade tipiti verliess, galt es grosse Fussstapfen auszufüllen. Steve Monnigadon und Simone Thoma haben diese Herausforderung angenommen. Nach ihrem ersten Jahr als Co-Leitung des LBZ blicken sie zufrieden zurück: «Wir sind in unserer neuen Aufgabe gut angekommen. Als Leitungsteam können wir von unseren unterschiedlichen Stärken profitieren», so Thoma. Ein grosser Dank gilt den Mitarbeitenden, die sich auf die neue Leitung eingelassen haben.
