Aus den tipiti-Schulen
Zitat
«Ich möchte hier all meinen Lehrerinnen und Lehrern meinen unermesslichen Dank aussprechen. Ihr habt mir geholfen, ein Mensch mit grossen Lebenszielen zu werden. Ihr habt mir geholfen, eine Sprache zu lernen, die ich zuvor nie gehört hatte. Ihr habt mir eine unendliche Freundlichkeit gezeigt. Für euch alle trage ich eine unermessliche Liebe in meinem Herzen. Ich werde euch sehr vermissen. A.»
Lernen in einer Übergangssituation
von Schulleiterin Monika Drobik Camenisch
Der Alltag in der tipiti-Schule im Bundesasylzentrum BAZ ist von Unsicherheit, täglichen Veränderungen und behördlichen Entscheiden geprägt. Kinder und Jugendliche kommen und gehen. Perspektiven können sich von einem Tag auf den anderen verschieben. Gelingen ist hier kein messbares Ergebnis. Es zeigt sich in Momenten der Stabilisierung, im Aufbau von Vertrauen, in wachsender Selbstwirksamkeit und in würdig gestalteten Abschieden.
Eine Familie aus Afghanistan mit zwei Kindern im Alter von 14 und 16 Jahren ist im BAZ untergebracht. Ihr Dublin–Verfahren läuft. Die Wegweisung aus der Schweiz ist gewiss, der Zeitpunkt noch offen. Es kann sich um Tage oder auch Wochen handeln. Die beiden Jugendlichen besuchen unsere Schule. Aufgrund der bevorstehenden Wegweisung bleibt die Tochter Zohra dem Unterricht fern – die Motivation, Deutsch zu lernen, ist nicht mehr vorhanden. Gleichzeitig stellen wir bei der Jugendlichen eine hohe mathematische Begabung fest. Wir organisieren ein Elterngespräch.
Im Gespräch begegnen uns Eltern, deren aktuelle Lebenssituation kaum ungewisser sein könnte. In der Hoffnung auf ein besseres Leben und auf bessere Zukunftsaussichten für ihre Kinder haben sie ihr Heimatland und ihre Familie zurückgelassen. Hier haben sie kaum Perspektiven, sorgen sich um das Wohl ihrer Kinder und zweifeln, ob die Flucht die richtige Entscheidung war.
Individueller Plan in einer besonderen Situation
Wir erarbeiten für Zohra einen individuellen Förderplan mit Schwerpunkt Mathematik, ergänzen diesen durch einen strukturierten Wochenplan und setzen die Teilnahme an gestalterischen Fächern sowie am Sportunterricht voraus. Die Möglichkeit mitzubestimmen, stärkt die Motivation der Jugendlichen. Zohra kehrt in den Unterricht zurück. Wenige Tage später steht fest: Die Familie muss die Schweiz in wenigen Tagen verlassen. Am letzten Schultag feiern wir den Abschied in der Klasse und würdigen die gemeinsame Zeit.
Zuversicht trägt durch unsichere Lebensphasen
«Ins Gelingen verliebt» bedeutet für uns: In einer Situation, wo die Zukunft unklar ist, die Aufenthaltsdauer ungewiss und das Lernen im Übergang stattfindet, richten wir unseren Fokus auf das, was im Rahmen unseren Möglichkeiten liegt. Wir begegnen den Eltern, Kindern und Jugendlichen respektvoll, offen und ermutigend. Wir bieten einen geschützten Rahmen, der Beziehung und Verlässlichkeit ermöglicht. Wir erkennen Begabungen und Ressourcen, entwickeln Förderpläne und verankern Lernmotivation. Nicht um Ergebnisse zu produzieren, sondern um Selbstwirksamkeit (wieder) erfahrbar zu machen.
Wir vermitteln Sprach-, Alltags-, Sozialkompetenzen in einer Kultur, die den Lernenden fremd ist. Wir säen Tag für Tag Samen der Zuversicht – in der Hoffnung, dass sie durch unsichere Lebensphasen trägt und eines Tages Früchte bringt. Nur mit Zuversicht kann eine gerechtere Welt für alle entstehen, insbesondere für die Verletzlichsten unter uns, für die Kinder und Jugendlichen.
Am Ende seiner Schulzeit hat uns ein Jugendlicher die oben stehenden Zeilen geschrieben, die unsere Haltung bestärken. «Ins Gelingen verliebt sein» wird in unserem Schulalltag aktiv gelebt.
Bild unten rechts in der Fotogalerie: Werk eines Jugendlichen in der tipiti-Schule im BAZ; im bildnerischen Gestalten kann die Selbstwirksamkeit wieder wachsen
An aussergewöhnlichen Herausforderungen wachsen
Seit über zwanzig Jahren nutzen wir an der Gesamtschule Trogen erlebnispädagogische Methoden, um die Entwicklung unserer Lernenden zu fördern. Die Übernachtung in einer Schneehöhle am Fuss des Säntis gehört fest zu unserem Jahresprogramm. Diese Extremsituation bringt die Lernenden an ihre persönlichen Grenzen. Indem sie sich ihren Ängsten stellen und diese überwinden, können sie innere Blockaden lösen und ihr Selbstvertrauen stärken.
von Thomas Schwizer, Schulleiter der tipiti-Gesamtschule Trogen
Jedes Jahr verbringen wir mit unserer Oberstufenklasse ein Schneelager in der «Chammhaldenhütte» nahe der Schwägalp. Der Höhepunkt unseres Lagers ist eine Übernachtung im Freien, in einer selbst gebauten Schneehöhle. Diese Herausforderung löst bei den Lernenden wie auch ihren Eltern und Erziehungsberechtigten viele Unsicherheiten und auch Ängste aus. Damit es trotzdem gelingen kann, sind verschiedene Faktoren entscheidend.
Zuallererst benötigen die Lernenden das passende Material: Lawinenschaufeln, thermoisolierende Matten, aufblasbare Liegematten und Schlafsäcke sind die Grundlage dafür, dass sie sich im Schnee eine geschützte und möglichst komfortable Schlafstelle einrichten können. Auch das Wissen von uns Lehrpersonen, wie man eine Schneehöhle baut, ist essenziell. Die Höhle muss so gebaut werden, dass keine Kaltluft zuströmen kann, und sie möglichst warm bleibt. Ausserdem muss sie eben und gross genug sein, damit man im Schlaf die Schneewand nicht berührt.
Die Lehrpersonen brauchen Fingerspitzengefühl und pädagogisches Geschick, um die Lernenden auf dieses Abenteuer vorzubereiten. «Ich mache mir Sorgen, dass ich kalt habe und nicht einschlafen kann!», «Wenn es dunkel ist, bekomme ich Platzangst!». Solche Aussagen hören wir in der Vorbereitung oft. Wir reagieren ruhig und zuversichtlich darauf. «Ihr schafft das alle. Wir glauben an euch», sagen wir immer wieder. «Versuche es einfach. Es wird ganz sicher gelingen! Und wenn es nicht geht, finden wir schon eine Lösung.»
Das Abenteuer beginnt
Mittwoch, 4. Februar 2026, 21 Uhr: Draussen ist es dunkel, der Himmel klar, drei Grad, leichter Wind. Die Schneehöhlen sind gegraben, die Schlafmatten aufgeblasen, die Rucksäcke nach Anleitung gepackt. Die Lernenden haben die Zähne bereits geputzt und die Schlafkleider unter den Schneekleidern angezogen. Die Spannung und Nervosität in der Klasse sind schon seit einigen Stunden hoch. Uns Lehrpersonen gelingt es, ruhig zu bleiben und Zuversicht zu verbreiten.
Die ersten Gruppen machen sich auf den Weg. Die Lehrpersonen begleiten einzelne Lernende und auch ganze Gruppen zu den Höhlen und helfen ihnen, sich drinnen einzurichten. Für die Hälfte der vierzehn Lernenden ist es das erste Mal im Schneelager, die anderen Lernenden haben eine solche Nacht schon ein- oder zweimal gemeistert.
22 Uhr, in den Schneehöhlen: Die Lernenden und vier Lehrpersonen schlüpfen in der ungewohnten Umgebung in ihre Schlafsäcke. Draussen ist es still, nur ein leichter Wind weht. Ein Lernender hat sich mit einem Lehrer in einer Höhle eingerichtet, um sich sicherer zu fühlen. Um 23 Uhr hat er plötzlich grosse Angst und will ins Lagerhaus zurückkehren. Auch mit gutem Zureden können wir ihn nicht von seinem Entschluss abbringen. Nur wenig später brechen zwei weitere Lernende ab. Ihre Liegefläche ist zu klein, die Schlafsäcke sind feucht und stellenweise nass, und die Kälte macht ihnen zu schaffen. Um 23.30 Uhr gehen noch weitere zwei Lernende ins Haus zurück und legen sich in den komfortablen Betten schlafen.
Mit Zuversicht finden wir Lösungen für alle
Am nächsten Morgen wachen die sieben erfahrenen Lernenden und zwei der sieben Neulinge in den Schneehöhlen auf: Die Freude ist gross, dass sie es geschafft haben. Im pädagogischen Team sind wir aber auch ernüchtert, dass fast die Hälfte der Klasse die Herausforderung noch nicht meistern konnte. Bis zum Mittag entscheiden wir uns für einen zweiten Versuch. Wir glauben fest daran, dass auch die fünf Lernenden, welche die letzte Nacht abgebrochen haben, in einer Schneehöhle übernachten können. Wir stellen uns die Frage: Was braucht es, damit es diesmal gelingt?
Wir entscheiden uns, zusätzliche Schlafmatten zur Verfügung zu stellen und die vier besten Höhlen zu verwenden. Eine Lehrperson wird jeweils einen oder zwei Lernende begleiten. Auch wenn die Begeisterung bei den Lernenden mässig ist, machen sie sich gegen 23 Uhr alle auf, um die Nacht in der Schneehöhle zu verbringen.
Manchmal braucht es zwei Anläufe
Am nächsten Morgen ist die Freude gross. Alle Lernenden haben es geschafft! Die Augen leuchten, die Gesichter strahlen. Stolz und glücklich gratulieren sie sich gegenseitig. Auch die Lehrpersonen sind zufrieden: «Wir haben es doch gesagt: Es wird ganz sicher gelingen!»
