Pflegekinder und -familien
Berichte aus den Pflegefamilien
Foto unten links: Pflegefamilie am Strand: Beziehungsarbeit kann Spass machen
Verlässliche Beziehungen geben Halt
Von Fachberater Mathias Stillhart
In der Arbeit mit Pflegekindern und -familien ist es besonders wichtig, «ins Gelingen verliebt» zu sein. Viele Pflegekinder bringen Erfahrungen von Verlust, Unsicherheit und Verletzung mit. Umso entscheidender ist der Blick, mit dem wir ihnen begegnen: nicht zuerst auf das Schwierige, sondern auf das, was wachsen und möglich werden kann.
In meinen Jahren auf der Wohngruppe eines Kinder- und Jugendheims habe ich immer wieder erlebt, wie sehr verlässliche Beziehungen Halt geben. Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Ich war nah dran am Alltag der Kinder und Jugendlichen, habe Krisen miterlebt und Spannungen ausgehalten. Dabei habe ich gelernt, dass Entwicklung nicht erzwungen werden kann, aber dass sie dort entsteht, wo Menschen sich gesehen und angenommen fühlen.
Mit dem Wechsel in die Fachberatung vor gut einem Jahr hat sich meine Rolle verändert. Heute begleite ich Pflegekinder und ihre Pflegefamilien etwas mehr aus dem Hintergrund – und doch bleibe ich präsent. Ich erlebe, wie viel Wirkung allein darin liegen kann, regelmässig da zu sein, zuzuhören, nachzufragen und auch Unsicherheiten gemeinsam auszuhalten. Oft sind es nicht die grossen Interventionen, sondern die kontinuierlichen Gespräche, die ehrliche Anteilnahme und das gemeinsame Nachdenken, die etwas in Bewegung bringen.
Vertrauen wächst langsam
Bereits nach der Einarbeitungszeit durfte ich eine Neuplatzierung von zwei kleinen Geschwistern begleiten. Mit Unterstützung erfahrener Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen konnte ich diese emotionale und organisatorische Herausforderung gut meistern. Besonders beeindruckt hat mich dabei das liebevolle Engagement der Pflegefamilie. Diese Erfahrung stärkte mein Vertrauen in die Kraft von Beziehung und Zusammenarbeit. Die ersten Monate waren nicht einfach für mich: Ich schwankte zwischen Hoffnung, Überforderung und auch Unsicherheit. Ich konnte die Pflegefamilie aber in gemeinsamen Gesprächen gut begleiten und dabei helfen, die jeweils nächste Schritte zu planen. Sie näherten sich den Kinder behutsam und geduldig an – und allmählich wurden die Kinder ruhiger und fassten Vertrauen.
«Ins Gelingen verliebt zu sein» bedeutet für mich, genau diese leisen Entwicklungen wahrzunehmen. Wenn Pflegeeltern trotz Erschöpfung offen bleiben. Wenn ein Kind beginnt, Gefühle zu zeigen oder Nähe zuzulassen. Wenn Zweifel ausgesprochen werden dürfen, ohne dass Beziehungen zerbrechen. In solchen Momenten spüre ich, wie wichtig eine verlässliche Begleitung ist, die den Prozess mitträgt und an Entwicklung glaubt, auch wenn sie sich nur in kleinen Schritten zeigt.
«Ins Gelingen verliebt sein» ist ansteckend
Natürlich gehören Herausforderungen dazu. Pflegeverhältnisse sind komplex, manchmal fragil und immer wieder herausfordernd. Doch ich erlebe, dass eine zuversichtliche und wertschätzende Haltung ansteckend sein kann. Wenn ich Vertrauen in den Prozess habe, überträgt sich das oft auf die Familien. Diese Erfahrung stärkt auch mich und lässt mich immer wieder neu «ins Gelingen verliebt» sein.
Zu dieser inneren Haltung gehört für mich, Menschen mit Offenheit, Geduld und echtem Interesse zu begegnen. Ich glaube fest an die Wirkung von beständigen Beziehung, an Entwicklung trotz Rückschlägen und daran, dass selbst unter schwierigen Bedingungen gute Lösungen entstehen können – wenn jemand da ist, der sie mitträgt.
«Die gemeinsamen Erlebnisse haben uns zusammengeschweisst»
Foto unten Mitte: Aleeyna im tipiti-Biografielager im Frybihof Johnschwil
Die 17-jährige Aleeyna lebt seit ihrem zweiten Lebensmonat in einer Pflegefamilie. Seit vielen Jahren ist sie jeden Herbst im tipiti-Biographielager dabei. Inzwischen ist aus der engagierten Teilnehmerin eine zuverlässige Mitleiterin geworden.
Das Gespräch mit Aleeyna führte Patrizia Zürcher.
Wieso besuchst du das tipiti-Biographielager seit so vielen Jahren?
Mit acht durfte ich das erste Mal an einem Biographielager teilnehmen. Seither habe ich kein einziges Lager ausgelassen. Anfangs fiel es mir noch schwer, auswärts zu schlafen. So besuchte ich die ersten drei Jahre das Lager nur an zwei Tagen und übernachtete jeweils zu Hause. Meine Pflegemutter brachte mich am Morgen zum Frühstück hin und holte mich nach dem Abendprogramm wieder ab. Dies war nur bei tipiti möglich – und war für mich eine wichtige und positive Erfahrung.
Was gefällt dir besonders am tipiti-Biographielager?
Ich mag das Lagerleben. Es hat mir schon immer gefallen, mit anderen Kindern und Jugendlichen zusammen zu sein. Der Austausch mit «Gleichgesinnten», die Ähnliches erlebt haben wie ich, tut mir gut. Unsere gemeinsamen Erlebnisse haben uns zusammengeschweisst. Es sind Freundschaften entstanden, die ohne das Biographielager so nicht möglich gewesen wären. Auch finde ich es schön, dass wir jedes Jahr ins gleiche Lagerhaus zurückkehren.
Wie kam es dazu, dass du im letzten Jahr erstmals das tipiti-Biographielager mitgeleitet hast?
In meiner Schulzeit habe ich an acht Lagern teilgenommen. Als ich im Sommer 2025 die Schule abgeschlossen und eine Lehre als Fachfrau Strassentransport EFZ begonnen habe, wollte ich weiterhin mit den Biographielagern verbunden bleiben. Es ist mir wichtig, dass jüngere Pflegekinder ins Lagerleben nachrücken und so unvergessliche Erlebnisse wie ich haben können. Dafür setze ich mich ein. Im Herbst 2025 war ich das erste Mal als Leiterin dabei. Auch in Zukunft will ich im Herbst jeweils eine Woche Ferien für das Biographielager nehmen. Das Lager hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben und gehört fest zu meinem Jahresablauf dazu.
Im letzten Lager habe einen Teil des Abend- und des Tagesprogramms geleitet. Ich übernehme gerne Verantwortung und habe viele Gestaltungsideen. Aufgrund meiner eigenen Lebenserfahrung kann ich mich gut in andere Pflegekinder hineinversetzen und sie unterstützen. Im letzten Lager habe ich jüngere Kinder mit Einschlafschwierigkeiten getröstet, ihnen Geschichten erzählt und mit ihnen gespielt.
Lesetipp: Infomagazin 2025 «Kinder in Pflegefamilien – wie es gelingen kann»
Lehrbeginn trotz vieler Unsicherheiten
Foto unten rechts: Danylo an seiner Lehrstelle als Logistiker
Von Fachberater Alexander Sperr
Als der heute 18-jährige Danylo in die Schweiz kam, stand er vor grossen Herausforderungen. Heute hat er seine Lehre als Logistiker EFZ begonnen. Dass solche Entwicklungen gelingen, ist kein Zufall: Sie werden durch engagierte Begleitung und persönliche Verantwortung möglich. Bei tipiti nennen wir diese Haltung «ins Gelingen verliebt sein».
Als Danylo im April 2022 mit seiner Pflegefamilie aus der Ukraine in die Schweiz kam, war dies ein tiefer Einschnitt in seinem Leben. Die Flucht, das neues Land und die Integration waren grosse Herausforderungen für ihn, boten aber auch die Chance, Selbstwirksamkeit und Resilienz zu entwickeln. In Danylos Begleitung haben wir konsequent auf seine Stärken aufgebaut, so dass er Schwierigkeiten als Lernchancen sehen konnte, statt als Rückschläge.
Schritte zur beruflichen Integration
Bereits während der Oberstufe zeigte Danylo grosse Eigeninitiative in der Berufssuche. Er organisierte selbständig Praktika, reflektierte seine Erfahrungen und entschied sich für eine Ausbildung als Logistiker EFZ. Im Frühling 2025 unterzeichnete er seinen Lehrvertrag – ein wichtiger Schritt in Richtung beruflicher und sozialer Integration.
Verlust des familiären Umfelds
Doch kurz vor Lehrbeginn kam es zu einem grosser Umbruch: Im Sommer 2025 kehrte seine Pflegemutter mit drei ihrer Pflegekinder in die Ukraine zurück. Unter den drei Kindern war auch Danylos leibliche Schwester. Danylo und eine Pflegeschwester blieben alleine in der Schweiz zurück. Der Verlust seines vertrauten familiären Umfelds und der gleichzeitige Start in die Ausbildung setzten ihm stark zu. Innert kurzer Zeit musste er eine neue Wohnmöglichkeit finden. Mit Unterstützung seiner Bezugsperson bewältigte er diese schwierige Phase konstruktiv. Trotz vieler Unsicherheiten gelang ihm ein erfolgreicher Ausbildungsstart: Er zeigte sich zuverlässig, motiviert und lernbereit und integrierte sich fachlich wie sozial gut.
Im Oktober 2025 konnte Danylo zu einer Gastfamilie nach Grub AR ziehen. Die neue Wohnform gibt ihm Stabilität und eine verlässliche Alltagsstruktur – zentrale Faktoren für Kontinuität in Ausbildung und persönlicher Entwicklung.
Herausforderungen als Lernchancen
Danylos Beispiel verdeutlicht, was wir bei tipiti unter «ins Gelingen verliebt sein» verstehen: eine ressourcenorientierte Haltung, bei der die Entwicklungsmöglichkeiten im Vordergrund stehen. Gelingen bedeutet nicht, dass es keine Schwierigkeiten gibt, sondern dass man sie aktiv bewältigt. Entscheidend dafür sind stabile Beziehungen, Partizipation, Selbstwirksamkeit und strukturelle Unterstützung. «Ins Gelingen verliebt sein» zeigte sich dabei in der Haltung aller Beteiligten, Fortschritte bewusst wahrzunehmen, Potenziale zu stärken und auch in unsicheren Phasen an Möglichkeiten zu glauben.
Danylos Weg zeigt, wie wirksam diese Schutzfaktoren im Zusammenspiel sind. Seine Selbstständigkeit, Ausdauer und schulischen Erfolge spiegeln Resilienz – getragen von verlässlicher Begleitung.
